Dorit Zinn – Mit fünfzig küssen Männer anders

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Beschreibung

Die Lage war angespannt. Dietrich stand in Unterhosen vor dem Kleiderschrank. Er zerrte ein Jackett nach dem anderen heraus, pfefferte alles aufs Bett, etliche Oberhemden und Socken dazu, kroch auf der Suche nach den dunkelblauen Wildlederslippern – Leisetreter nannte er sie – unter die Kommode, brüllte laut nach der Krawatte mit den violetten Stiefmütterchen.

Es war wie immer vor einem Fest- oder Theaterbesuch.

Zur Krönung der Szene warf sich Dietrich aufs Bett, mitten hinein in die gebügelten Hemden. „Du liegst auf zwei Stunden Arbeit“, stöhnte ich.

„Ich geh nicht mit“, knurrte er, „ich hab es satt, mich anzupassen, mich rauszuputzen für irgendwelche Leute!“

„Anna und Udo sind nicht „irgendwelche Leute!“

„Ach nee“, zischte Dietrich, „das wußte ich noch gar nicht…

Und außerdem…“, er griff die Hemden und knüllte sie zu einem bunten Stoffklumpen, „kann ich mit meinen Hemden machen, was ich will!“

Da stand ich nun in meinem neuen Fummel. Und wäre die Situation nicht so vertraut gewesen, ich hätte mich weinend in die Küche eingeschlossen und die ganze Nacht – vergeblich – auf ein Versöhnungszeichen von ihm gewartet. Aber das war fünfundzwanzig Jahre her. Ich war klüger geworden, und ich brauchte meinen Schlaf.

Dietrich hatte sich inzwischen in die Bettdecke eingerollt.

»Diesmal bitte ich dich nicht!« rief ich aus dein Bad. Der knallrote Stift fuhr über meine Lippen, einmal, dreimal, fünfmal.

Dietrich rührte sich nicht, er blieb einfach liegen.

Das war neu.

Ich stöckelte so laut wie möglich die Treppen hinab, verharrte an der Tür. Oben blieb es still. Die Haustür flog hinter mir ins Schloß, dann die Autotür, der Motor heulte auf. Marie-Luise, was bist du stark! Ich war mit mir zufrieden.

 

 

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